Sonntag, 7. August 2016

Camouflage - Relocated (2006) Review


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Schon das Cover setzt die Stimmung:
Die herbstliche Impression einer von warmen Sonnenstrahlen durchfluteter Allee, in der sich im Vordergrund zwei völlig unterschiedliche Menschen die Hand reichen, steht sinnbildlich für die Ausrichtung des siebten Studioalbums von Camouflage. Die Figur des Astronauten als Stellvertreter futuristischer Klangstrukturen, das schwebende Mädchen als positives Zeichen Vertrauens und Vitalität inmitten elektronisch warmer Schwingungen.
Vorbei die Dunkelheit Sensors, die Schwermut des Vorgängers ist heller Zuversicht gewichen.

Relocated.

Nach dem Erfolg des düsteren Comebackalbums "Sensor" im Jahr 2003 mussten Camouflage für das Nachfolgeprojekt labeltechnisch umsiedeln.
Aufgrund geänderter Firmenpolitik seitens Polydor-Island ging der Weg für Soundtüftler Heiko Maile und Kollegen nach Hannover zum dortigen Label SPV.
Dort fand sich zwar eine neue Heimat für das geplante nächste Album, SPV investierte jedoch lediglich einen minimalen Aufwand in werbewirksame Aktionen. Auch war die Veröffentlichung abseits deutschsprachiger Länder auf Polen beschränkt. Sensor hatte aber Jahre zuvor einen außerordentlichen Erfolg in Russland vorzuweisen. Dies führte letztendlich zu geringeren Verkaufszahlen und einer für Fans und Band erneuten Dürreperiode. Der Übergang vom Schatten ins Licht lässt sich daher rein über die Musik definieren...

...und die beginnt ähnlich wie das Vorgängerwerk mit einer kurzen Einführung. "Memory" geht jedoch darüber hinaus und kündigt bereits behutsam das darauffolgende "We Are Lovers" in ruhigen, fragmentartigen Tönen an. Dieser Song präsentiert sich tanzbar und treibend mit elegantem Sounddesign und hauchenden Trompeten in der Hookline.Trotz gezielt technoider Einschübe ist das freundliche Erscheinungsbld der ideale Gegenentwurf zu Sensors durchaus schnellem, doch weitaus melancholischer wirkendem "Me And You". Die erste Single "Motif Sky" verfolgt ähnliche Strukturen, in denen Marcus Meyns charmante Stimmlage von federleichten Synthies begleitet wird, die eine gelöste Stimmung erzeugen.
Die Vielfältigkeit des Albums zeigt sich nicht nur allein im lebendigen und kreativen Soundbild, sondern auch im gesanglichen Bereich. Während Oliver Kreyssig im hypnotischen "Real Thing" zu unterschwellig glitzernden Klängen durch verspielt vorgetragene Strophen eine fast schon andächtige Atmosphäre kreiert, gelingt Meyn in "Passing By" der Schritt aus diesem mentalen Palast heraus mit rauer Stimmfarbe und pulsierenden Synthesizern, die energiegeladen und prägnant zugleich zwar den Weg Richtung Depeche Mode'scher Pfade einschlagen, jene aber eigenständig per innovativer Ausfahrt verlassen...
.. um im bluesig wippenden "Confusion" mit energisch-schroffen Drumeinsätzen völlig andere Facetten zu demonstrieren.Gegen Ende hin dominieren entspannte Ambientsounds und runden den Track ausgewogen ab.

Das abwechlungsreiche Klangspektrum wird im anschließenden "The Perfect Key" kunstvoll zelebriert. Beginnend mit gediegenem Gitarreneinsatz, steigert sich der Aufbau über düster-sphärische Töne hin zu einem intensiv abschließenden Akt, in dem Meyn die Grenzen seiner Performance auslotet. "Stream" wiederum gleitet auf weichen Synthieflächen dem gleißenden Horizont entgegen. Sanft erfolgt die Überleitung zu "Dreaming", einem Gemeinschaftswerk von Kreyssig und Meyn. Der melancholisch angehauchte Refrain ist einprägsam und zieht seine Kraft aus der elektronisch einnehmenden Grundstimmung, auch die Strophen sind detailverliebt und druckvoll inszeniert.

Das sanfte "The Pleasure Remains" hingegen ist temporeicher, der Übergang der warmen Instrumierungen ist fließend und lässt den Song vielseitig und angenehm weich klingen. Meyns routinierte Darbietung verschmilzt mit der akustischen Eleganz. Auf drückende Basseinsätze wird auch hier weitreichend verzichtet und sich mehr auf melidiöse Elemente fokussiert.

Auf Kreyssigs leicht jazzigem"Bitter Taste" wird zunächst ein Gore-typisch zerbrechlich wirkendes Konstrukt aus leisem Sinnieren aufgebaut, ehe sich die instabilen Fragmente lösen und in "Something Wrong" neu formieren, das von seiner Robustheit und energischen Stimmung lebt. Sich nahe am Rock-Genre bewegend, hat Marcus Meyn hörbar Lust am kraftvollen Chorus, den treibend eingesetzten Gitarren und den sehr eingängigen finalen Gesangspassagen, die sich mehrfach wiederholend und melodisch ausgefeilt besonders einprägen.
Vor dem Closer beruhigt "Light" mit funkelnder Stille die aufgeheizt flirrende Elektronik und schlägt so die Brücke zum psychedelischen"How Do You Feel", der Ausnahmeerscheinung auf Relocated.
Auf über sieben langsamen Minuten, durch einen folkloristisch anmutenden Chor voll Inbrunst unterstützt, bewegt sich das Stück auf dem schmalen Grad zwischen Kunst und gescheitertem Experiment. Stetig leise Blinkeffekte im Hintergrund sorgen für die notwendige maschinelle Umgebung im Kontrast zur überemotional geführten Hook.

Relocated geht zunächst weniger direkt ins Ohr als sein Vorgänger. Die Songs reifen mit der Spielzeit, die sonoren, detallierten Stücke zeugen gleichsam von gepflegter Routine als auch der ständigen Lust auf neue Wege der musikalischen Umsetzung. Das Album besitzt Ecken und Kanten, mit dem Sprung in hellere Dimensionen eine erfrischende Neuausrichtung und ist dem dunklen Sensor ebenbürtig auf seine besondere Art und Weise. Versetzung erfolgreich.

8/10













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