Samstag, 15. Oktober 2016

Sarajevo









Seit gut zwei Jahren wurde diese Reise geplant und immer wieder verschoben. Nicht gerade die beste Jahreszeit, eine lang geplante Fahrt nach Bosnien, nach Sarajevo anzutreten: die letzte Novemberwoche 2009. Die Neugier ist groß: Was ist das für eine Stadt, die in Europas Geschichte immer wieder blitzartig auftaucht, um dann auf Jahrzehnte wieder in Vergessenheit zu geraten? Der 28. Juni 1914, die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg, dann die Olympischen Winterspiele 1984 mit dem Maskottchen, einem Wölfchen, Katharina Witt, der „Bolero“ von Torvill/Dean. Und der Bosnienkrieg von 1992 bis 1995. Krieg in Europa, eine belagerte Stadt, vor der eigenen Haustür…. Was ist das für eine Stadt, die Europa verkörpert und doch schon Orient ist?

Unterwegs
Autobahnen. Einerlei: Berge, Tunnels, Berge. Im Dunkeln Ljubljana, Straßen, Hochhäuser, Industrieschornsteine. Nebel, kaum zehn Meter Sicht. Nachts, in Kroatien. Tausende ewige Lichter rot von Friedhöfen leuchtend. Nebel.  Als der sich lichtet: Republik Serpska. Bloß die Geschwindigkeitsbeschränkung einhalten – die hinter jeder Kurve lauernden Streifenwagen finden allemal einen Grund, Autos mit ausländischen Kennzeichen anzuhalten. Ein einträgliches Geschäft. Oder Schikane. Oft beides. Merkwürdig, daß es in der Erinnerung  immer Nacht war. Da war doch auch mal die Bosna, deren Lauf wir am Tag folgten? Landstraßen, mal ein Stück Autobahn, Landstraßen – Berge und Fluß.
Foto: Lejla Avdic

Sarajevo,
13 Jahre nach Kriegsende. Ein Gewirr von Straßen und Hochhäusern, an den Fassaden Einschläge der Granaten. Ruinen neben Rohbauten. Ankommen in Mojmilo, als Olympisches Dorf für die Winterspiele 1984 hochgezogen; die kleine 2-Zimmer-Wohnung der Freundin bietet Ausblick auf die König-Fahd-Moschee, einen Riesenbau, von Saudi-Arabien finanziert und mit Bibliothek und Gemeinschaftsräumen, Unterrichtszimmern usw.  ausgestattet: Treffpunkt der Salafisten, längst nicht von allen Muslimen Sarajevos geschätzt – auf einen Supermarkt, andere Hochhäuser – und nach hinten raus auf einen grünen Hang, das SOS-Kinderdorf und daneben das Kinderheim einer islamischen Organisation.
Am Morgen -ich hab‘ es in Nura und Nermin, meinen Gastgebern, mit Langschläfern zu tun - mache ich mich auf die Suche nach einer Bäckerei, immer der Nase nach. Schon an der nächsten Ecke grüßt Vucko, das Maskottchen von 1984,  (Wutschko. Ich hab hier nicht die passende Tastatur) breit grinsend von einer Fassade herunter: ein schönes Wiedersehen! Etwas blaß, aber von Schüssen verschont geblieben. Wenige Meter weiter ein Denkmal für die Verteidiger des Viertels: neben muslimischen immer wieder serbische und kroatische Namen… nein, das war kein „ethnischer Konflikt“. Das war ein Krieg des Nationalismus gegen die Menschlichkeit. Ein Krieg machtgieriger Politiker und aufgeputschter Nationalisten gegen Offenheit und Herzlichkeit. Da, eine Bäckerei! Mit viel Gestikulieren, Fingerzeigen und Gelächter kaufe ich, was duftet, und mache mich auf den Heimweg, wo mich schon der Kafa erwartet…. 
Foto: Lejla Avdic


Eine Fahrt in die Altstadt. Immer wieder die Hinweise auf neu errichtetes, renoviertes. Aber auch immer wieder die Spuren der Zerstörung – hier die Sniper Alley, das sanierte Holiday Inn, in den gleichen scheußlichen Farben wie zuvor. Die Miljacka entlang, die mich an Freiburg erinnert: Freiburg liegt bisweilen an der Dreisam… die stellenweise die Grenze  zwischen Belagerten und Belagerern war. Das Auto,  ein Golf (Sarajevo und der VW Golf wären eine eigene Geschichte wert!) wird auf einem bewachten Parkplatz abgestellt, andernfalls fände man es später womöglich nicht mehr.  Wir überqueren die Miljacka an der Nationalbibliothek, die gerade renoviert wird, und betreten die Bascarscija, ein Gewirr von grauen Häuschen, in jedem Untergeschoß ein Laden. In jeder Gasse ein Handwerk: Kupferschmiede, Schuhmacher, Teppiche, Touristisches, Cafés…. Orient! Menschenmassen ohne Hektik unterwegs, ältere Männer oft noch mit Baskenmützen, die unter Tito die Kopfbedeckung männlicher Muslime ersetzte. Gelegentlich ein Bärtiger, Frauen mit Hijab neben und auch mal Arm in Arm mit Frauen in Minirock, mal modisch, mal einfach, mal zeitlos elegant – eine europäische Großstadt mit Orientflair. Zentral sind hier, obwohl nicht zentral gelegen, der Sebilj, ein einstiger öffentlicher Brunnen, und die Begova, die Gazi-Husrev-Beg-Moschee, ein der ältesten Moscheen Bosniens, mit dem außerhalb des Moscheegeländes stehenden Uhrturm, der Sahat kula. An der Ecke sprudelt ein Brunnen: „Wenn du davon trinkst“, meint die Freundin, „wirst du wieder nach Sarajevo zurückkehren!“
Sarajevo: die katholische Kathedrale, die Ewige Flamme, Konsumtempel – das islamische Opferfest ist in diesem Jahr weihnachtlich geschmückt, das geht hier selbstverständlich nebeneinender, wie man auch gemeinsam feiert – in einer Straße, die ähnlich in einer österreichischen Stadt liegen könnte: Häuser entstanden unter der Herrschaft der Habsburger, Prunkbauten der Gründerzeit. Das Franziskanerkloster und die zugehörige Brauerei jenseits der Miljacka am Hang gelegen, die Synagoge am Miljacka-Ufer, die Ruine der Zigarettenfabrik (Sarajevo Marlboro…  - ich nehme mal an, diese langgestreckte Ruine war die Zigarettenfabrik, heute finde ich keine Bilder oder Hinweise mehr darauf. Das Denkmal für die UN-Hilfslieferungen: eine goldene Blechdose. Der Inhalt dieser Dosen, eine Art Rindfleisch, war so wenig schmackhaft, daß sogar die Katzen und Hunde es verschmähten, ein Erinnerungsort für Tito, das klassisch bosnische Wohnhaus als Museum, Inat Kuca, das Trotzhaus, umwerfende Balkanküche in einem Haus mit einer Geschichte für sich…

Morica Han,
die alte Karawanserei, in der Bascarscija gelegen, ein von den typisch niedrigen grauen Häusern des Viertels gebildeter Innenhof, ein Café, ein Teppichladen unter offenen Arkaden – alle Farben Persiens leuchten gegen den grauen Tag an. Inmitten ein großgewachsener junger Mann mit tiefbraunen Locken und tieftraurigem Blick. Rafid erzählt mit einem Lächeln vom Verkauf, von Touristen und den Einheimischen, die hier kaum Kunden sind, von der Musik, von der er gern leben würde, von gelegentlichen Einnahmen als Fotomodell und wie mühsam es ist, im Land zu leben. Wie die Politik, die aufgezwungene Verfassung, das Leben abschnüren, die Grenzen zwischen den Menschen festschreiben. Wie sehr die Wunden des Krieges heute noch schmerzen, erzählt er nicht … er war ein Kind in der belagerten Stadt. Er sieht eine trübe Zukunft. Und lacht. Und schmiedet Heiratspläne.

Heiratspläne  
schmiedet auch Aida. Wir lernen Aida bei einem Besuch bei Jutta kennen. Jutta kommt aus Thüringen, nennt sich seit ihrem Übertritt zum Islam Safeta und ist mit einem bärtigen mit Nachthemd bekleideten Bosnier verheiratet, der an der Fahd-Moschee Klamotten verkauft. Jung, naiv und unbedarft erzählt sie von den Ansichten ihres Mannes über den Islam. Der vertritt nun alles andere als die offene, weltzugewandte Seite des Islam, der Bosnien so liebenswert macht. Aida wiederum kommt vom Land und soll oder will hier ihrem Zukünftigen begegnen, der nicht mehr jung ist, verheiratet und sich gern eine junge arbeitsame und anspruchslose Zweitfrau zulegen will. Aida ist Anfang Dreißig, also auch nicht mehr jung, mittellos und ohne Familie. Und hin- und hergerissen. Sie habe keine andere Wahl, meint sie.
Ganz anders Jasmina. Groß, schlank, honigblond, modisch elegant, empfängt sie uns in ihren kleinen, aber gepflegten vier Wänden. Sie hat das Glück, einen Halbtagsjob in der Deutschen Botschaft in Sarajevo gefunden zu haben. Und das zusätzliche Glück, daß auch ihr Mann Arbeit hat: eine Seltenheit. Doch auch hier dreht sich das Gespräch um Alltagssorgen: die Gehälter zu niedrig im Vergleich zu Lebenshaltungskosten, zu viele junge Menschen ohne Zukunftsperspektive, zu viele, die das Land verlassen: „Die Gebildeten, die Weltoffenen gehen, es kommen und bleiben die vom Land und bringen ihre Traditionen, ihre Kopftücher  und ihre Feindbilder mit. Sarajevo verarmt geistig und intellektuell.“ Und immer wieder nationalistische Töne aus der Politik. „Früher hat keiner darauf geachtet, ob du nun einen bosnischen, kroatischen oder serbischen Namen hast.“  
Wir besuchen andere Frauen, hören andere Geschichten. Immer dabei: die unvermeidliche Plastiktüte, gefüllt mit Kaffee, Süßigkeiten, Obst … Man teilt ungezwungen und großherzig in einem Land, in dem viele sich wenig leisten können. Man begrüßt sich, auch Fremde, mit einem herzlichen Lächeln und einer Umarmung. Freude geben kostet nichts. Aber es wärmt.

Kontraste
prägen die Stadt. An den Hängen die alten Stadtviertel, teils noch in traditioneller Bauweise, teils kleine moderne Häuschen, die sich anpassen. Und Friedhöfe, nicht eingegrenzt durch Mauern, nahtlose Übergänge zwischen Leben und Tod – weiß leuchten die Grabsteine überall von den grünen Hängen.


Verläßt man, entlang der Miljacka, das alte Sarajevo, beherrschen Hochhäuser das Bild: der Avaz Twist Tower, der von der Aussichtsterrasse einen wunderbaren Ausblick und im Inneren eine Ausstellung über das belagerte Sarajevo bietet. Das Parlamentsgebäude, die UNIS-Türme… weiter Richtung Flughafen und Butmir wird neben Ruinen neu gebaut: Ein- und Zweifamilienhäuser, die zumeist leerstehen oder zu unerschwinglichen Preisen vermietet werden, gebaut von Diaspora-Bosniern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, die in der Heimat Urlaub machen und in Nostalgie baden. Und die ehemaligen Olympischen Dörfer, gesichtslose Hochhaussiedlungen, die Fassaden immer noch geprägt vom Krieg. Im Erdgeschoß eines dieser Hochhäuser in Dobrinja lebte währen der Belagerung mein Gastgeber Nermin, direkt an der Frontlinie: Griffen die Serben vom gegenüberliegenden Hang aus an und waren überlegen, flüchteten die Verteidiger durch das Wohnzimmer seiner Eltern. In Dobrinja begann auch der Tunnel, der unter dem Flughafen nach dem außerhalb der Stadt liegenden Butmir führte: drei Kriegsjahre lang wurde Sarajevo über ihn mit Nachrichten, Nahrungsmitteln und Waffen versorgt, viele Menschen konnten durch ihn fliehen. Heute ist an seinem Ausgang in Butmir ein kleines Museum, der Tunnel selbst einige Meter weit begehbar. Das alles schaue und höre ich mir an, in Nura habe ich eine kundige Fremdenführerin, die Bilder sprechen für sich – und nach nur wenigen Minuten habe ich genug. Zuviel. Und stürze mich auf die Katzen der Familie Kolar, die sich schnurrend locken, streicheln und kraulen lassen …

Viel wäre noch zu erzählen – vom Krieg, von geflüchteten Kindern, die sich mittlerweile in der Diaspora ein Leben aufgebaut haben, von denen, die für ein freies, von Nationalismen und religiösen Grenzen freies Sarajevo kämpften und heute mit lächerlich kleinen Renten ums Überleben kämpfen. Von Romakindern, die in Müllcontainern wühlen, während ihre Altersgenossen die Schulbänke drücken. Vom Leiden der ungezählten Frauen, die Opfer systematischer Vergewaltigungen wurden, von deren Kindern… all das ist erzählt worden.
Von Einkaufszentren, die westeuropäischen weder an Ausstattung noch Angebot nachstehen, mit Waren, die dem Durchschnittsverdienst eines Bosniers unerschwinglich sind.
Vom Ausverkauf eines Landes, von Politikern, die heute wieder mit nationalistischen Parolen hetzen. Von einer Verfassung, die einen Frieden brachte, der die Grenzen zwischen den Ethnien zementiert, die Minderheiten ausklammert, die eine Verbesserung politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse unmöglich macht. Von einer EU, die fordert, ohne zu fördern, wo es notwendig und sinnvoll wäre. Vom Spott hiesiger Medien über die überdimensionale, überteure Regierung – die Bosnien dem von außen diktierten Dayton-Vertrag zu verdanken hat, an dem nicht gerüttelt werden darf. Von arabischen Investoren, die heute, da Europa kaum mehr Interesse hat, das Land aufkaufen und einen Islam verbreiten, der mit der seit Jahrhunderten in Bosnien gelebten Toleranz nichts gemeinsam hat …
… Aber auch vom bosnischen Humor – diese Fähigkeit, über sich selbst und die eigene Misere zu lachen. Von der Herzlichkeit der Menschen, der Wärme, mit der sie dich aufnehmen. Mit dir teilen… Das Lachen, das Weinen und das letzte Stück Brot.
… Noch ist Sarajevo, dieses Gemenge von Menschen, Ethnien, Religionen das, was es über die Jahrhunderte war: das Jerusalem Europas. Eine Stadt, in der Grenzen keine Rolle spielen. In der der Mensch vor allem Mensch ist, jeder den anderen annimmt, wie er ist. Von Sarajevo könnte Europa lernen.


 





Wer Bosnien-Herzegovina und Sarajevo kennenlernen möchte, dem lege ich den Reiseführer von Amel Salihbasic ans Herz:
Link 1 

Vom Bosnienkrieg und den Jahren danach berichtete Erich Rathfelder:

Brigitte
 

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