Sonntag, 13. November 2016

De/Vision - 6 Feet Underground (2004) Review

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Rein elektronisch.
So simpel wie bestimmt lautet die Klangformel für De/Visions achtes Album. Fernab Ausflügen zu anderen Genreterritorien, einmal mehr unterstützt vom Produzententeam Schumann & Bach.
Der Fahrplan ist ausgebreitet. Wind streicht über die Dächer. Die Route wird berechnet.

Ruhe. Band ab.

6 Feet Underground

Die ersten Töne reißen sich durch die Stille und vor dem geistigen Auge manifestiert sich das karge Bild einer seelischen Enklave. "I'm Not Enough".
Spärlich beleuchtete Flure, in deren schattigen Ecken schemenhafte Trugbilder lauern. Relikte der Vergangenheit, umgeben von surrenden Synths und einer zum Ende hin versonnen schwingenden Gitarrenlinie, die gar versöhnlich anmutet.
Die unterkühlte Aura bleibt dennoch bestehen und legt sich wie ein bleierner Schleier über das melodisch starke "I'm Not Dreaming Of You"
"This is how we're ending". Rückblick auf Vergangenes, rosa Wolkenformationen. Schnitt.
Im Angesicht der nüchternen Wirklichkeit verpuffen die fragilen Umrisse einstiger Verführung im blanken Nichts, einzig das lieblich-markante Pianomotiv erinnert an sinnliche Stunden. Den Rest verschluckt der Gezeitennebel. Mehr und mehr.
Und doch bahnen sich die ersten sonnigen Strahlen durchs graue Himmelszelt und tauchen die surreale Szenerie in milden Lichtschein. Steffen Keths sanftes Organ durchstreift das, in warmen Schwingungen wiegende Grün und scheint im entspannten "Unputdownable" mit sich selbst im Reinen.
Szenenwechsel. Für "Turn Me On" entwirft die psychedelische Soundarchitektur ein nächtliches Großstadtszenario, durch dessen verlassen wirkende Gassen erotisch angehauchte Visionen zu pulsierenden Breakbeats gleiten. Spuren Wolfheim'scher Fährte finden sich vereinzelt am blinkenden Kopfsteinpflaster und tragen zur einnehmenden Atmosphäre bei.
Ein Novum hingegen stellt das nächste Stück dar. Erstmalig wurde ein Songtitel auch für den Albumnamen verwendet. Das weckt natürlich Erwartungen und "6 Feet Underground" kombiniert interstellare Melancholie mit technoiden Samples. Die textlich freudlose Grundstimmung wird in den Schlussmomenten durch abstrakte Tastenmelodik noch erweitert, ohne im Trübsal zu schwelgen.

In "Aimee" durchzieht ein leises Raunen den Schattenpalast. Die edle Ballade zelebriert bittersüße Elegie in einem Meer aus tiefbläulich funkelnden Eiskristallen.
Stark im Kontrast dagegen "Right On Time". Verzerrte Vocoderfunken wirbeln über den hochelektronischen Dancefloor, dessen präzis-minimalistische Ausprägung eine hypnotische Sogwirkung erzeugt. "Take Me Over" schließlich steigert nach ruhigem Beginn die bpm-Zahl rapide und gerät zu einem tosenden Klangrausch, der in der Folgezeit durch "You Are The One" wieder entschleunigt wird. Dieser Song baut sich bedächtig auf, zieht an geheimnisumwitterten Landstrichen vorbei, an mysteriöser Symbolik, die das Klangbild vielseitig ausschmückt. Währenddessen bestreitet der Protagonist seinen Weg unter dem hell leuchtenden Mondlicht. Die in der Mitte des Tracks wolkengleiche Soundästhetik findet ihren Höhepunkt, ähnlich wie im dunklen "Heroine" ("Two"), im losgelösten Flug gen Firmament, diesesmal nur ungleich optimistischer.

Erneuter Tempowechsel bei "Beside You". Giftig pumpende Synthies begleiten das treibende Stück, das zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem elektrisch aufgeladenen Ozean zu versinken droht, nur umso kraftvoller aus den Untiefen zu steigen und sich hemmungslos der progressiven Wellenbewegung hinzugeben.
Das instrumentale "Klangmonaut" sorgt kurz vor dem Finale mit einem spacy Kurzurlaub für's Ohr für astralgewebte Beatteppiche, die sogar Drum'n'Bass Elemente erlauben.
Als vor Kraft strotzendes Epos entpuppt sich der Schlussakkord "Take Me To Heaven". Während der Strophen sorgt ein sphärisches Wispern für mysthisch-experimentelle Dichte, die Hookline vereint die gesamte Dynamik der lauteren Momente des Albums und entlädt sich in den finalen Augenblicken in ein flirrend-brummendes Auseinanderdriften der Soundfragmente bis hin zum Ausstöpseln der Elektronik.

Man hat hier ein vielschichtiges Werk vor sich, das die angepeilte Ausrichtung exakt trifft, sich bisweilen ein Päuschen gönnt und trotz der hohen Elektroaffinität zauberhafte Momente erschafft.

Momente, die unter die Haut gehen.

Subkutan.

8/10

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