Sonntag, 4. Dezember 2016

De/Vision - Noob (2007) Review


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Noob.

Was bedeutet das eigentlich?

Lernunwilliger Anfänger spricht der Volksmund, doch steckt hinter offenkundigem Frischfleisch nicht mehr? Wenn sich etwa zwei Vollprofis mit ihrem langjährigen Produzententeam
(Schumann & Bach) zusammenschließen und diese vier Protagonisten vollkommen gleichberechtigt in allen Albumprozessen, wie auch beim Songwriting mitwirken? Nach knapp 20 Jahren Bandgeschichte wirkt jenes Szenario wie eine erfrischende Erkundungstour durch unerforschtes Terrain, in dessen Wurzelwerk unentdeckte Schatztümer bis zum Deckel gefüllt mit Inspirationen schlummern. Diese Konstellation ermöglicht durch die einerseits divergente Impulsgebung, doch ebenso synchrone Nennerfindung ein überaus spannendes wie interessantes Endprodukt.

Wie klingt nun das Ergebnis?

Die Spurensuche beginnt in einer abgedunkelten Kuppel, von deren Deckengewölbe vereinzelte Wassertropfen in die schwarzen Schleier hinabfallen und die Stille wie gezielte Nadelstiche zersetzen. Mit dem scharfen Ertönen der punktuiert-bassgestützen Gitarre und Steffen Keths energisch-schwelgerischen Vocalparts erhellen gleißende Lichtströme den Hort des Nachtmahrs. "What You Deserve", eine lupenreine, mit viel Drive angereicherte Electrohymne auf schwärmerische Liebeswallungen und unbändiges Verlangen gepaart mit einer sehr prägnanten Hookline, bildet den Einstieg der Neulinge, die so gar keine sind.

"Obsolete" folgt dieser Klangroute mit viel Schwung und melodischem Gespür, wenn auch der textliche Einschlag deutlich düsterer eingefärbt erscheint. Die zuvor beschworene Gefühlswelt aus rosafarbenen Samtwolken wird von einem schwarzen Nebelstrudel erfasst, kollabiert und aus den leblosen Hüllen entsteigen bizarre, gesichtslose Wesen, deren rastloser Antrieb die Hoffnungslosigkeit eines jeden Einzelnen darstellt, der am Ende vor der glimmenden Ruine einer aufgebrauchen Beziehung steht. Ein paar hundert Meter weiter löst sich diese kalte Umarmung aber und unter dem tiefbläulich-glitzernden Nachtgestirn gleitet "Nine Lives" auf melancholisch schlängelnden Flussläufen, die in ihrer puristischen Reinheit die Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit greifbar erscheinen lassen. Das Sounddesign atmet den nächtlich-kühlen Wind, unterstützt durch treibend ausgeführte Bassläufe und verträumten Chorus entsteht hier eine kleines Juwel zum Zurücklehnen.

Weitaus mehr Dynamik versprüht das darauf folgende "Life Is Suffering". Die Tanzfläche wird mit treibenden Uptempo-Beats und gedämpften Störgeräuschen befeuert, kurze Ruhepausen werden durch umso ungezügelter wirbelnde Teilfragmente des Soundbilds überdeckt und halten das Tempo weiter auf höheren Ebenen. Mit "Death Of Me" wartet dann schon recht früh einer der schillernden Höhepunkte des Albums. Feurig pumpende Bässe, lasziv eingesetzter Gesang, eine sich, in die willigen Gehörgänge einbrennende Hook: Sie alle leben von einem mächtig-klagenden Leitmotiv, das seine inneren Schattenkreaturen mit kochenden Nägeln in die Fassaden des Zweifels hämmern möchte, stolz und doch so wehklagend. Positivere Schwingungen erlebt man dann mit der ersten Single "Flavour Of The Week", einem pulsierenden Clubkracher, der seine elektrofizierten Monsterwellen über jeden Dancefloor hüben wie drüben schwappen lässt, gegen Ende hin wandelt sich der Track nach kurzem Ruhepol zu einem taifunartigen Bombastwerk, das alles mitreißt was sich ihm in den Weg stellt.

"Deep Blue" drosselt behände die Geschwindigkeit und entführt den Hörer mit beruhigenden Tonflächen in eine enigmatische Szenerie, die längst vergangen scheint. Sanft wiegende Palmenformationen in saftigen Grüntönen umsäumen eine mondäne Tempelanlage, deren polarweiß gestrichenen Wände im hellen Sonnenglanz funkeln. Im Inneren des Bauwerks finden sich imposante Räume mit polychromen Fensterstrukturen, die im flutenden Tageslicht ein zauberhaftes Ambiente erschaffen. An malerischen Springbrunnen vorbei geht es über einen spiralenartige Treppenverlauf hin zu einem pittoresken Aussichtspunkt, auf dem ein ehrwürdiges Luftschiff steht, das an eine mythische Galeere erinnert. Zu sinnierenden Gitarrenklängen schließt das Stück und schwingt sich hin zur orangeglühenden Abendsonne.

Zwar wurde der nachfolgende Track schon im Vorjahr produziert, doch gibt es auf der Albumversion, des auch Live sehr beliebten Songs einiges zu entdecken. Hypnotisch-drückende Synths umkreisen den lieblichen Gesang auf dem Pfad der Hoffnung. Das Bild eines alleinstehenden Hauses inmitten von rauer Natürlichkeit manifestiert sich vor dem geistigen Auge. Alle Fenster sind abgedichtet, zugenagelt, die Türen fest verschlossen. In den schwarzen Zimmern sammeln sich die Staubflocken zerfallener Wunschträume. Namenlose Stille herrscht über diesem Ort, der einst viel Wärme beherbergte. Doch durch die brüchigen Verschläge bahnen sich zaghafte Strahlen und tauchen die Tristesse in wärmende Hoffnungsschimmer.  
" Love Will Find A Way".

Die kraftvolle Ballade "See What I See" schließt sich dem an und erzeugt eine schattige Atmosphäre mit schweren Klaviereinsätzen und weichen Streichern, die in der Folge anfänglich zu beobachtende Momente unterschwelliger Trauer aus den Untiefen fischen und in einem nachdenklichen Finale münden. Das ungleich antreibendere "Living Fast Dying Young" packt mit arrythmisch designten und unheilvoll ausstaffierten Drumsets das Geschehen während der Strophen in stockdunkle Kellerhallen, nur um im lebendigen Refrain unbändig auf der Dachterrasse zu tänzeln.

Schau nicht zurück. Lass die Geister der Vergangenheit ruhen, schließ das Tor zur Krypta zu und wirf den Schlüssel weg. Das Beste kommt doch noch, die Wege der Erinnerung mögen noch so voll illusorischer Verführung gewesen sein, die Zukunft aber weist dir den Weg. So ähnlich könnte man die Botschaft von "The Far Side of the Moon" sehen, einem intensiv-markanten Song mit entspannter Klangfarbe. Dieses Gefühl legt sich auch über "What It Feels Like", dessen soundtechnische Ausprägung zwar zunächst einen deutlich rabiateren Kurs einschlägt, sich aber bei der beschaulich-seelenvoller Auslegung der Songhook einen eigenen Mikrokosmos kreiert, in dem die wärmenden Bässe versöhnlich zur Geltung kommen.

Save the Best for Last. "The Enemy Inside" ist das atmosphärisch dichteste Stück, obwohl es einen durchaus poppig inszinierten Charakter entwirft. Sich den eigenen Dämonen zu stellen, ist die schwerste Prüfung des Lebens. Raus aus der Traumwelt, vorbei an eigenen Komplexen, im ewigen Ringkampf mit der Egomanie. Zu milden, schummrig schwingenden Synthesizern gerät die Abrechnung mit sich selbst zum Ende hin mit sphärisch-traumwandlerischer Soundmomenten zu einem starken Abschluss. "Welcome to real Life"

Noob mag nicht ganz so viele ohrwurmbehaftete Augenblicke wie sein Vorgänger besitzen, bietet jedoch eine konsequent vielseitige Auswahl an melidiös-ausproduzierten Tracks, die einen hohen Replay-Faktor und gleichzeitiges Abtauchen in ätherische Momentaufnahmen ermöglichen.

Experiment gelungen.

Die Zukunft lautete auf den Namen: Popgefahr.

8/10

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