Sonntag, 18. Dezember 2016

De/Vision - Popgefahr (2010) Review



Das eigene Label. Alleiniger Herrscher über klangliche Ländereien und gleichzeitige Opposition. Losgelöst und frei in Entscheidung und Tat, doch stets mit kritischem Blick auf die Arbeitsvorgänge. Den nächsten, großen Schritt im persönlichen Evolutionsprozess vollzogen De/Vision nach dem Weggang von Drakkar pünktlich zum Dekadenwechsel mit dem als "Popgefahr" etikettierten Impulsgeber. Der Titel, als augenzwinkerndes Statement zur vorurteilsgeschwängerten Massenmeinung hinsichtlich des Popgenres ausgewählt, fungiert dabei parallel als selbstironischer Taufpate des elften Albums. Eine neue, doch vertraute Ära wurde damit eingeläutet und Schumann&Bach setzten die Segel routiniert auf Kurs gen nahe Zukunft. Raue Weltenbilder voll hemmungslosen Streamings, eingebettet in umtriebener Schnelllebigkeit.

Fast schon bezeichnend erscheint da der Name des ersten Stücks: "mAndroids". Zu drückenden Basswellen werden freudlose Einblicke in die zerrüttete Architektur besungener Prügelknaben gewährt, im elektronischen Gleichschritt unter dem wolkenzerfetzten, anthrazitfarbenen Himmelstorso. Das kühl-sterile Soundbild erfährt jedoch durch positiv eingefärbte Melodieführungen wieder und wieder menschliche Regungen, wie leise Atembewegungen in hochtechnisierten Mechatronikgrüften.

Die erste Single "Rage" verkommt dagegen zu einem synth-plosiven Fieberrausch aus betörender Schönheit, Beklemmung, Extase und unbändiger Grausamkeit zu pulsierend drapierten Klangfragmenten, die ein schattenschwarzes Gewölbe mit tausenden Kerzen erhellen, nur um das bröckelnde Mauerwerk durch den fatalistischen Sog des Rachegeistes, der in jedem von uns wohnt, einstürzen zu lassen. Unter Tonnen von Schuttlawinen, die wie surreale Skulpturen mahnend über die trüben Felder des Vergessenes wachen, liegt die einstige Leidenschaft begraben.

Doch bahnt sie sich ihren Weg frei, erreicht durch verschlungene Kanäle im Erdreich den Zugang zur Oberfläche. "What's Love All About". Verwunschene, in silbernes Mondlicht getauchte Gärten dienen als melancholische Szenerie für die zaghaft geflochtenen Hoffnungsstränge, die sich mit wabernden Syntheinsatz im Wurzelwerk verstecken, dort Kraft tanken und sich im sinnierend-opulenten Refrain zum funkelnden Nachthimmel hochschwingen, unter sich zurücklassend arabeske Schattenvisionen bohrenden Zweifels. Doch es die Zeit, um zu leben. Gleißende Lichtsäulen schießen zu fulminant pumpenden Beatwogen in die Höhe, eine frische, vitale Brise fegt über den ausgedörrten Landstrich und lässt Blätterformationen mit luftig-flirrenden Strömungen ausgelassen durch verwitterte Felsruinen wirbeln. Akustisch fühlbare Aufbruchsstimmung als Symbolcharakter beruflicher Entscheidungen? Vielleicht, doch zurück zum Album.

 Das hohe Tempo von "Time to Be Alive" wird in der Folgezeit jedoch jähe gestoppt: Schlagartig ist es bleierne Nacht, eine steinerne Zitadelle wirft ihren bedrohlichen Schatten über gräuliche Gebäudehüllen, führt die mystische Umgebung in eine traumversponnene Parallelwelt. Zu den Klängen einer schwelgerisch nocturnalen Melodie, gleitet Sänger Steffen Keths Stimme ruhig und vorsichtig über in sich verschobene Gefühlswallungen. Die Stimmung ist trotz sonoren Synthesizers unterkühlt und trist, ohne an Faszination und euphonischem Momentum einzubüßen.
Dem bedächtig inszinierten "Be a Light to Yourself" gelingt die Reise in eine virtuos inszinierte, hochelektronische Intimität, die Augen lösen sich von verblichenen Gemälden der Erinnerung und der Weg scheint frei auf neuen Pfaden im Lebenskosmos zu wandeln.

Doch zunächst müssen alte Dämonen ihrer eingestaubten Fratzen entledigt werden: Fahle Kupferstiche zwischenmenschlicher Krisenherde werden von den satt gewordenen Wänden gerissen. Im treibenden "Ready to Die" obsiegt der wiedergewonnene Stolz mit lasziv eingesträuten Gesangseinsätzen über den mentalen Käfig und endet den Song mit verspielter Electroschau.
"Flash of Life" hingegen reißt mit schwerelos-warmen Klangverzierungen schwere Vorhänge auf, füllt den Raum mit fließendem Lichterglanz und lässt den Song mit seiner hypnotischen Aura durch schneeweiße Spiegelhallen tänzeln.

Das folgende "Twisted Story" setzt zunächst auf exzessiv hämmernde Bassläufe, wird jedoch im weiteren Verlauf zahmer und kulminiert in seiner weich-ausstaffierten Hookline. Melodisch flattert das Stück in wolkengleichen Augenblicken an rauschenden Laubbäumen vorbei und setzt im Schlussspurt das Crescendo, ein weiteres Indiz für die allgemein höhere Tempoausrichtung.

Als sphärisch-besinnlicher Closer wartet "Until the End of Time" auf. Langsam, ganz vorsichtig lüftet sich der blaue Samt und eine einnehmende Atmosphäre wird im Schein lodernder Fackeln erzeugt. Das Soundkonzept entpuppt sich als hallizinugenes Elektronikgewebe, ein blitzendes Mosaikbildnis mit vielen, unterschwellig eingebauten Soundhäppchen und einem, als Hommage an die 1980er Jahre erinnernden Hinausbegleiten auf samplegestützen Synthteppichen.

Als Bonustrack soll "Free World" nicht unerwähnt bleiben. Erfolgt der Einstieg zu lupenreinen Retroklängen gekonnt, ist die weitere Strukturierung melodisch wie dröhnend zerfahren zugleich. Der Protagonist wähnt sich in der Hook auf einem nebelverhangenen Glasberg und blickt auf eine unruhige Gegenwart. Dies gekoppelt mit dem soghaften Klangspiel als Outro, veredelt "Popgefahr" noch nachträglich und wirkt wie ein vollwertiger Albumtrack.

"Popgefahr" lässt sich als sehr lebhaftes, wie vielseitiges Album zusammenfassen. Der Sprung in die Eigenständigkeit mit all ihren Wagnissen war risikobehaftet, doch ist letztlich als zusätzlicher kreativer Schub zu betrachten.

Doch wie ging die Reise weiter? "Rockets&Swords" sollte es zeigen.


8/10

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